Sardinien entdecken: die schönsten Strände, Dörfer und Wanderrouten abseits der Massen
Sardinien abseits der Massen: meine liebsten Ecken
Wenn von Sardinien die Rede ist, denken viele sofort an die berühmte Costa Smeralda, Yachten und volle Strände im August. Ich auch – zumindest früher. Bei meiner letzten Reise habe ich mir vorgenommen, Sardinien jenseits der klassischen Hotspots zu entdecken: einsame Buchten, kleine Dörfer im Hinterland, duftende Macchia und Wanderwege, auf denen ich stundenlang kaum einer Menschenseele begegnet bin. In diesem Artikel nehme ich dich mit zu meinen persönlichen Favoriten – perfekt, wenn du Sardinien authentisch und ohne Menschenmassen erleben möchtest.
Wo Sardinien besonders ursprünglich wirkt
Je weiter man sich von den großen Badeorten entfernt, desto mehr zeigt Sardinien sein ruhiges, ursprüngliches Gesicht. Besonders gefallen haben mir drei Regionen, von denen aus du sowohl Strände als auch Wanderungen und Dörfer gut kombinieren kannst:
- Ogliastra an der Ostküste – wild, bergig und mit spektakulären Buchten
- Golfo di Orosei – die perfekte Basis für Bootstouren und Küstenwanderungen
- Barbagia im Landesinneren – traditionell, bergig, ideal für Kultur- und Genussfans
Ich habe meinen Schwerpunkt auf diese Ecken gelegt und von dort aus Tagesausflüge gemacht. So vermeidest du lange Fahrstrecken und bekommst trotzdem sehr unterschiedliche Facetten der Insel zu sehen.
Versteckte Strände: kleine Paradiese ohne Liegestuhl-Reihen
Sardinien ist berühmt für sein türkisblaues Wasser – doch viele der bekanntesten Strände sind im Sommer rappelvoll. Ein paar ruhigere Alternativen möchte ich dir vorstellen, an denen ich auch im Juli und September noch entspannt baden konnte.
Cala Goloritzé – Postkartenidylle nur zu Fuß erreichbar
Die Cala Goloritzé gehört offiziell zu den schönsten Stränden der Insel – und trotzdem bleibt sie vergleichsweise ruhig. Warum? Man erreicht sie nur zu Fuß (ca. 1,5 Stunden) oder per Boot, wobei das Anlegen streng reglementiert ist. Der Abstieg durch die Karstlandschaft ist bereits ein Erlebnis: Steineichen, Macchia, Ziegen auf schmalen Pfaden, und immer wieder Blicke auf die Berge des Supramonte.
Unten angekommen wartet ein kleiner Kiesstrand mit smaragdgrünem Wasser und einer markanten Felsnadel, die steil in den Himmel ragt. Ich empfehle:
- Früh starten, um die Mittagshitze beim Rückweg zu vermeiden
- Genug Wasser und Snacks mitnehmen (es gibt keine Restaurants oder Bars)
- Badeschuhe einpacken – der Kies ist grob, das Wasser dafür umso klarer
Cala Sisine und Cala Mariolu – per Boot zu versteckten Buchten
Vom Hafen in Santa Maria Navarrese oder Cala Gonone aus legen täglich Boote zu den Buchten des Golfo di Orosei ab. Ich habe eine Tour mit mehreren Stopps gemacht und besonders die Cala Sisine und die Cala Mariolu ins Herz geschlossen. An beiden Stränden gibt es keinen Massentourismus, keine Bettenburgen – nur Wasser in allen Blautönen und weiße Kieselsteine.
Wenn du es noch ruhiger magst, lohnt es sich, ein kleines Boot mit Skipper zu buchen oder ein eigenes Schlauchboot (mit Einweisung) zu mieten. So kannst du abseits der üblichen Zeitfenster zu den Buchten fahren und die Strände in den ruhigeren Stunden des Tages genießen.
Sa Perda Longa und Spiaggia di Cea – die entspannte Ostküste
Etwas südlicher, in der Ogliastra, habe ich zwei Strände entdeckt, die perfekt sind, wenn du es lässig und entspannt magst:
- Sa Perda Longa: Ein kleiner Strand mit beeindruckendem Felsen im Meer, ideal zum Schnorcheln.
- Spiaggia di Cea: Langer Sandstrand mit roten Felsformationen im Wasser, viel Platz selbst in der Hochsaison.
Hier mischen sich Einheimische und Reisende, es gibt einfache Strandbars und keine Spur von überdrehtem Jetset – dafür aber Sonnenuntergänge, die sich in den roten Felsen spiegeln.
Dörfer im Hinterland: Sardinien, wie es die meisten nie sehen
Sobald du die Küste verlässt und ins Landesinnere fährst, verändert sich das Bild komplett: Korkeichenwälder, Weinberge, abgelegene Höfe, alte Steinhäuser. Besonders die Region Barbagia im Zentrum der Insel hat mich fasziniert.
Nuoro – stille Hauptstadt der Barbagia
Nuoro ist keine klassische Schönheit auf den ersten Blick, aber eine Stadt mit Charakter. Enge Gassen, alte Herrenhäuser, kleine Cafés, in denen überwiegend Einheimische sitzen. Mir hat das Ethnographische Museum sehr gefallen, das traditionelle Trachten, Masken und Alltagsgegenstände aus ganz Sardinien zeigt – ein perfekter Einstieg, um die Insel besser zu verstehen.
Orgosolo – Streetart trifft Tradition
Das Bergdorf Orgosolo ist berühmt für seine Wandmalereien (Murales). Seit den 1960er Jahren werden hier Hausfassaden mit politischen, sozialen und alltäglichen Motiven bemalt. Beim Spaziergang durch die Gassen liest man quasi die jüngere Geschichte Sardiniens – und der Welt. Zwischen den Murals hängen Wäscheleinen, sitzen alte Männer auf Plastikstühlen vor der Haustür, Kinder spielen auf der Straße.
Ich empfehle, früh am Vormittag zu kommen, wenn es noch ruhig ist und die Tagesgäste ausbleiben. Dann kannst du in aller Ruhe durch die Gassen streifen und den besonderen Charme des Ortes auf dich wirken lassen.
Oliena und die Quellen von Su Gologone
Ganz anders wirkt Oliena, ein weißes Dorf am Fuß des Monte Corrasi. Von hier aus starten einige der schönsten Wanderungen im Supramonte-Gebirge (dazu gleich mehr). Ein paar Kilometer außerhalb des Ortes liegt Su Gologone, eine mächtige Karstquelle mit tiefblauem Wasser, die aus den Felsen sprudelt. Der Ort hat etwas Mystisches, besonders wenn man früh am Morgen dort ist und die ersten Sonnenstrahlen auf die Felsen treffen.
Wandern auf Sardinien: spektakuläre Routen zwischen Meer und Bergen
Sardinien ist ein Paradies für Wanderer – und gleichzeitig erstaunlich wenig überlaufen. Viele Wege sind zwar markiert, aber nicht überreguliert, was ein gutes Gefühl von Freiheit gibt. Drei Routen haben mich besonders begeistert:
Von Santa Maria Navarrese zur Pedra Longa
Eine relativ einfache Küstenwanderung mit großem Panorama-Effekt. Der Weg startet oberhalb von Santa Maria Navarrese und führt entlang der Steilküste bis zur markanten Felsformation Pedra Longa. Unterwegs duftet es nach Rosmarin, Thymian und wilder Myrte, immer wieder öffnen sich Blicke auf das tiefblaue Meer.
Rund um den Monte Corrasi bei Oliena
Diese Tour ist etwas für trittsichere Wanderer. Der Monte Corrasi gehört zu den markantesten Bergen Sardiniens und bietet fantastische Ausblicke über die Barbagia und bis hinunter zur Küste. Karstlandschaften, bizarre Felsformationen und alte Steineichenwälder wechseln sich ab. Ich habe mir hier einen lokalen Guide gegönnt – eine gute Entscheidung, denn viele Pfade sind nicht eindeutig markiert.
Gola di Gorropu – der « Grand Canyon » Sardiniens
Die Gola di Gorropu ist eine der tiefsten Schluchten Europas und ein absolut beeindruckender Ort. Es gibt mehrere Einstiege, die Wanderung von der Hochebene des Supramonte hinunter in die Schlucht ist jedoch die eindrucksvollste – und anstrengendste. Unten angekommen, fühlst du dich winzig zwischen den bis zu 500 Meter hohen Felswänden. Festes Schuhwerk ist hier Pflicht, denn der Weg führt über große Felsblöcke und Geröll.
Praktische Infos: beste Reisezeit, Anreise und Fortbewegung
Wenn du Sardinien abseits der Massen erleben willst, spielt der Reisezeitraum eine große Rolle. Meine Erfahrung:
- Mai und Juni: Angenehme Temperaturen, noch wenig los, ideal für Wandern und erste Badetage.
- September und Oktober: Warmes Meer, ruhigere Strände, perfekter Mix aus Aktivurlaub und Relaxen.
- Juli und August: Sehr heiß und voller, vor allem an den bekannten Küsten. Im Hinterland bleibt es meist entspannter.
Anreise
Sardinien wird von mehreren Flughäfen bedient:
- Olbia – ideal für Nord- und Ostküste (Costa Smeralda, Golfo di Orosei, Ogliastra)
- Cagliari – gut für den Süden und als Einstieg in das Landesinnere
- Alghero – für den Nordwesten
Alternativ kannst du mit der Fähre von Italien (z.B. Genua, Livorno, Civitavecchia) oder Frankreich (z.B. Marseille, Toulon) anreisen, was besonders praktisch ist, wenn du dein eigenes Auto mitnehmen möchtest.
Unterwegs auf der Insel
Um die abgelegeneren Strände, Dörfer und Wanderwege zu erreichen, ist ein Mietwagen fast unverzichtbar. Die Küstenstraßen sind kurvig, aber gut ausgebaut, im Hinterland können die Straßen schmal und holprig werden – dafür entschädigen die Ausblicke.
Öffentliche Busse verbinden die größeren Orte, sind aber eher etwas für Geduldige und weniger für spontane Strandwechsel. Für eine individuelle Tour abseits der Massen würde ich dir auf jeden Fall ein Auto empfehlen.
Übernachten: agriturismo statt Bettenburg
Wenn du Sardinien authentisch erleben möchtest, sind Agriturismi (Gutshöfe, die Zimmer vermieten) eine wunderbare Wahl. Ich habe mehrere Nächte in solchen Unterkünften verbracht und fast immer:
- hausgemachtes Essen aus eigener Produktion
- herzliche Gastgeberinnen und Gastgeber
- Ruhe und viel Natur drumherum
In Orten wie Dorgali, Oliena, Baunei und im Umland von Nuoro gibt es eine gute Auswahl an charmanten, kleinen Häusern. An der Küste findest du zusätzlich kleinere Hotels und B&Bs, die sich auf Individualreisende spezialisiert haben – oft familär geführt, mit persönlicher Beratung für Ausflüge und Wanderungen.
Essen und Trinken: die sardische Küche genießen
Kulinarisch hat Sardinien eine eigene Identität entwickelt – geprägt von Schäferei, Landwirtschaft und Fischfang. Wenn du die Insel wirklich kennenlernen willst, solltest du dir Zeit fürs Essen nehmen. Ein paar Spezialitäten, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind:
- Pane carasau: Dünnes, knuspriges Fladenbrot, das in keinem Restaurant fehlt. In der Variante Pane frattau wird es mit Tomatensauce, Ei und Pecorino überbacken – köstlich nach einem langen Wandertag.
- Porceddu: Spanferkel, meist stundenlang über dem offenen Feuer gegart. Typisch für Feste und in vielen Agriturismi auf Vorbestellung.
- Culurgiones: Gefüllte Nudeltaschen, oft mit Kartoffeln, Minze und Pecorino, serviert mit Tomatensauce oder geschmolzener Butter.
- Pecorino Sardo: Schafskäse in allen Reifegraden – von mild bis kräftig, perfekt zu einem Glas Wein.
- Seadas: Frittierte Teigtaschen mit Käsefüllung, die mit Honig übergossen werden. Süß, deftig, sehr typisch.
Meine Restauranttipps abseits der großen Touristenzentren
In der Ogliastra und Barbagia habe ich einige Lokale entdeckt, in denen hauptsächlich Sarden essen – ein gutes Zeichen:
- Kleine Trattorien in Dorgali, die einfache, aber hervorragende Pasta und gegrilltes Fleisch servieren.
- Agriturismi rund um Oliena, in denen du abends ein mehrgängiges Menü mit lokalen Produkten bekommst – oft ohne Karte, es wird serviert, was der Hof hergibt.
- In den Küstenorten wie Santa Maria Navarrese oder Arbatax einfache Fischrestaurants direkt am Hafen, in denen der Fang des Tages auf den Teller kommt.
Zum Essen gehört auf Sardinien fast immer ein Glas Wein – besonders empfehlenswert sind die Rotweine aus der Cannonau-Traube und die Weißweine aus Vermentino. Beide passen hervorragend zur lokalen Küche.
Sardinien ist für mich eine Insel der Gegensätze: mondäne Küsten im Norden, einsame Schluchten im Inneren, ruhige Dörfer, wilde Strände – und dazwischen eine Küche, die erdet und glücklich macht. Wenn du bereit bist, ein wenig abseits der Hauptstraßen unterwegs zu sein, wirst du eine Seite der Insel entdecken, die viele nie zu Gesicht bekommen. Vielleicht verliebst du dich dann genauso in Sardinien wie ich.
Ella
